1.2.2. Die sozialpsychologische Situation ausländischer Kinder

Maßnahmen zum Spracherwerb und zur schulischen Förderung ausländischer Kinder kann sich nicht nur auf die Vermittlung von Deutschkenntnissen beschränken. Sind eine ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache auch die Voraussetzung für ein Mitkommen in der Schule, so liegen die Ursachen für Schulversagen tiefer.

Ausländische Kinder wachsen in der Regel in einem Konflikt zwischen den Wertorientierungen der eigenen Familie, die durch die Kultur und die Tradition des Herkunftlandes geprägt sind und den Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der deutschen Umwelt auf. So z.B. Unterschiedlichkeit der Familienstrukturen, der geschlechtsspezifischen Rollenerziehung, unterschiedliche Bedeutung der Religion, Veränderung der alltäglichen Lebensgewohnheiten (Wohnen, Kleidung, Nahrung) sowie Störung der Verständigungsmöglichkeiten zwischen den Familienmitgliedern in der Muttersprache. Sie befinden sich in einem Identitätskonflikt. Die Folgen dieser Entfremdung beiden Bezugswelten gegenüber sind Verunsicherung, Angst- und Schuldgefühle oder Aggression.

Bedenkt man nun, welche Bedeutung der Sprache für die Ausbildung personaler Identität und sozialer Handlungsfähigkeit zukommt, so wird deutlich, daß der Verlust an muttersprachlicher Kommunikationsfähigkeit zu einer generellen Reduktion der Interaktionsfähigkeit führt. Die Zweitsprache «Deutsch» kann den Verlust nicht ausgleichen, da sie von diesen Kindern nicht im notwendigen Maß gelernt werden kann, auch bedingt durch die Isolation der ausländischen Familien in der deutschen Umwelt.

Eine weitere Ursache für Schulversagen und mangelnde Fähigkeiten, Deutsch als Zweitsprache zu erwerben, liegt auch z.T. in der Organisation des Lernens in der Schule, ihren Lernzielen, ihren Unterrichtsverfahren und in der praktizierten Form der Leistungsmessung.


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